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Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Bd.36 (1910)
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MITTEILUNGEN

des Deutschen und Osterreichischen Alpenvereins.

Die Mitteilungen erscheinen am 15. und letzten jeden Monats.
Schriftleitung: Wien 7/1, Kandlgasse 19-21.
Gesamt-Auflage 90.000. =^=

Haupt-Annahmestelle für Anzeigen:

München, Promenadeplatz 16, sowie bei sämtlichen
Bureaux der Annoncen-Expedition Rudolf Mosse.

Für Form und Inhalt der Aufsätze sind die Verfasser verantwortlich.

Nr. 3.

München-Wien, 15. Februar.

1910.

Neue Ersteigungen im Gebiet der Tübinger Hütte,

Von Richard Scholz in München.

«Der Rotebühl» — so wird auf der Vorarlberger
Seite ein massiger Bergstock genannt, der das obere
Vergaldner Tal nach Süden beherrscht und das zur
Schweiz gehörige Schlappintal gegen Norden begrenzt.
Nordwestlich verläuft der Stock in den Valzifenzer Grat,
dessen tiefste Einsattlung das viel begangene Schlappiner
Joch ist; nach Osten bricht er schroff ab und entsendet
einen Verbindungsgrat zum Hinterberg (2691 m) und
Mittelberg (2661 m), die bereits zur Domäne des Ganera*
tals gehören. Vom Hinterberg senkt sich ein Seitenast
südlich zum Ganerajoch (2485 m), der sich dann nach
Westen wieder als wild zerrissener Kamm aufbaut, um
in der Kessispitze (2834 m) und Plattenspitze (2880 m)
zu kulminieren. Das Ganerajoch bildet den Übergang
vom Ganera* ins Schlappintal und ist für den eigent*
liehen Verkehr in Vergessenheit geraten. Vielleicht be*
deutet auch für diesen großartigen Jochweg die im
Sommer 1908 von derS. Tübingen des D. u. ö. Alpenver*
eins eröffnete Hütte, die das obere Ganeratal und seine
gewaltige Bergwelt erschließt, eine Auferstehung. Das
gesamte bezeichnete Gebiet gehört zum südwestlichen
Teile der gipfele und gletscherreichen Silvre#a*Gruppe.

Drei markante Gipfel bilden die höchsten Zinnen
des Rotenbühl: die in der Mitte des Stocks aufragende,
etwas nach Norden vorgebaute und auf der Karte als
eigentliche Rotbühlspitze (2855 m) bezeichnete Er*
hebung und die beiden stolzen Zwillingsgeschwister,
die den Stock nach Osten in schroffem Abbruch be*
schließen. Von diesen bildet die nördliche Spitze,
auf der Karte des Schweizer Siegfriedatlas als «Eisen*
thälispitz» bezeichnet, mit 2882 m die höchste Er*
hebung im Rotenbühlstock überhaupt, während die
südliche, mit 2849 m kotiert, einstweilen noch ohne
Namen zu sein scheint. Die Grenze zwischen der
Schweiz und Österreich läuft vom Ganerajoch über den
Hinterberg und den Verbindungsgrat zum Rotenbühl,
über die Eisenthälispitze, die Rotbühlspitze und den
Valzifenzer Grat. Das «Eisenthäli» ist ein trümmer*
bedecktes Hochkar auf der Schweizer Seite, das von
den gewaltigen Steilwänden der «Eisenthälispitzen»
nach Norden und Osten eingeschlossen wird. Ich will
mich im Verlaufe meiner Ausführungen nach dieser
in Vorarlberg unbekannten Benennung richten, spreche
aber schon hier im Plural von den Eisenthälispitzen
und werde fortan Punkt 2849 der Karte, den Schwester*
gipfel der Eisenthälispitze, zur besseren Orientierung
als «Südliche Eisenthälispitze» bezeichnen. Doch will

ich gleichzeitig bemerken, daß es mir unzweckmäßig
erscheint, die Bezeichnung «Eisenthälispitze» für den
höchsten Gipfel des Rotenbühl überhaupt bestehen zu
lassen. Auch auf der Schweizer Seite scheint der Stock
in seiner Gesamtheit als «Roter Bühl» bekannt zu sein.
Auf der Siegfriedkarte trägt eine südliche Schulter
(2715 m) der Eisenthälispitzen noch einmal die spezielle
Benennung «Roter Bühl». Also Roter Bühl im Norden
und Süden! Ein weiteres Argument von Belang bietet
wohl auch der Hinweis auf die nicht allzuweit entfernte
Eisenthaler oder «Isedäler» Spitze im Gebiet der jüngst
eröffneten Reutlinger Hütte Sofern mir nun nichts
Gegenteiliges nachgewiesen wird, nehme ich für mich
und meine Genossen die Ehre der ersten turistischen
Besteigung beider Eisenthälispitzen in Anspruch. Weiter
nehme ich ah, daß sich die Bezeichnung «Rotbühlspitz»
für den zentralen Gipfel des Stocks, der von Gargellen
aus hin und wieder bestiegen wird, längst eingebürgert
hat. Somit schlage ich vor, die Eisenthälispitze fortan
«östliche Rotebühlspitze» zu nennen, den südlichen
Schwestergipfel aber «Elly*Hobrecht*Spitze», zu Ehren
meiner tapferen Mitkämpferin bei beiden Ersteigungen.
Schon seit vielen Jahren erfreute ich mich, von den
Montafoner Bergen südwärts blickend, an dem Bilde
ruhiger Vornehmheit, das die Breitseite des Rotenbühl
gewährt. Zwischen der Zackenreihe der Silvretta*Haupt*
gruppe und Jen phantastischen Gebilden des Rätikon
gelegen, bietet die geschlossene Form des Stocks dem
Auge einen willkommenen Ruhepunkt. Die charakte*
ristischen, ungeheuren Schuttströme, die der Berg von
halber Höhe aus talwärts sendet, wirken in der Ferne
wie Stützen und Streben. Der östliche Kulm, der so*
fort energisch abbricht, sichert der Silhouette die nötige,
wirkungsvolle Wucht. Als ich dann aber zum ersten*
mal auf dem verlassenen Ganerajoch stand und die
Ostseite des'Bergs vor mir hatte — die beiden Spitzen
engäneinander geschmiegt und emporragend wie ge*
waltige gotische Giebel —, da tat es mir der Rotebühl
vollends an. Immer erfuhr ich nur, daß die zentrale
Rotebühlspitze gelegentlich von Gargellen aus be*
stiegen werde; dieTur.sei nicht schwierig, aber be*
schwerlich und wegen cles langen Anmarsches (etwa
6 St. ab Gargellen) nicht sonderlich beliebt. Niemals
indessen hörte ich etwas über die Ostgipfel, noch
konnte ich irgendeine Notiz über ihre Ersteigung er*
halten. Das reizte meine Neugier und Unternehmungs*
lust. Aber wieder vergingen Jahre; näherliegende Auf*