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Innsbruck 1976 Nr. 11 - Amtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck
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Kann ich die Politik mitgestalten?

Eine Frage, die sich nicht nur Jungbürgern stellt, sondern uns allen immer wieder aufdrängt

(Gr) Viel war aufgeboten, um der Jungbürgerfeier einen festlichen
Rahmen zu geben: Gottesdienste in der katholischen Hofkirche
und der evangelischen Christuskirche, Orgelspiel und städtisches
Symphonieorchester mit jugendlichen Solisten beim Festakt und die
Einladung zum Theaterbesuch am Abend oder die Begrüßung durch
die Blasmusikkapelle am Morgen. Alles in allem für die Jungbürger
ein besonderer Tag. Ein Tag, der wohl auch seine besondere Frage
stellte: Wie kann ich das politische Leben mitgestalten?

Schon in der Begrüßung durch
Vizebürgermeister Regierungs¬
rat Obenfeldner klang dieses
Thema an: „Sie beweisen mit
Ihrer Anwesenheit Ihr Interesse
am Ablauf des Lebens in unse¬
rer Stadt und lassen damit die
Absicht erkennen, in Hinkunft
aktiv von den Rechten des
Staatsbürgers Gebrauch zu ma¬
chen, aber auch die Ihnen mit
Erreichung der politischen Mün¬
digkeit in einer demokratischen
Republik zufallenden Pflichten
zu erfüllen.

Freiheit, Wohlstand, Demokra¬
tie und soziale Sicherheit sind
keine Selbstverständlichkeiten.
Das Weiterbestehen und der
Ausbau dieser Errungenschaften
hängt mit vom Ausmaß Ihrer
Mitbestimmung ab. Wir leben
im freien Teil der Welt und
müssen daran denken, daß wir
damit die Möglichkeit, ich glau¬
be sogar die Pflicht haben, un¬
ser eigenes Glück zu schmie¬
den."

Bürgermeister Dr. Lugger ging
in der Festansprache dann nä¬
her auf das Thema ein-. In kei¬
ner anderen Staatsform ist die
Achtung vor der freien Entschei¬
dung jedes einzelnen Menschen,
vor seiner Würde, vor seiner
eigenständigen Entfaltung in
solchem Maße grundgelegt und
gewährleistet wie in der Demo¬
kratie. Keine andere Staatsform

ist deshalb aber auch in ähnli¬
cher Weise angewiesen auf die
Menschen, von denen sie getra¬
gen und geprägt wird.
So steht und fällt die Demokra¬
tie mit den Qualitäten jedes
einzelnen der Staatsbürger, mit
seiner Verantwortlichkeit, mit
seinen ethischen Grundsätzen
und Maßstäben. Ein verlocken¬
des Angebot also für jeden,
nach Höherem zu streben und
in der Verwirklichung der eige¬
nen Persönlichkeit zugleich auch
unser Gemeinwesen, unser öf¬
fentliches Leben, unsere Demo¬
kratie mitzuprägen." Keiner, der
den Schritt in die politische Voll¬
jährigkeit getan habe, sagte der
Bürgermeister, könne für sich
allein leben. Ob er es wolle
oder nicht, ob er aktiv werde
oder passiv bleibe, er bestimme
von nun an das öffentliche Le¬
ben Österreichs mit. Es entstehe
zunächst der Anschein, als ge¬
schehe dies nur durch die Ab¬
gabe des Stimmzettels, wenn es
gelte, Gemeinderat, Landtag,
Nationalrat oder die Berufs¬
und Interessensvertretungen zu
wählen. Gewiß: „Demokratie ist
Entscheidung. Und entscheiden
heißt, sich ganz konkret für et¬
was auszusprechen. Vor diese
Wahl werden Sie immer wieder
gestellt sein. Ich aber möchte
Sie heute auf diese Tatsache
aufmerksam machen, nicht um

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Sie zu beeinflussen, sondern um
Ihnen den Blick freizugeben auf
die Bedeutsamkeit Ihrer demo¬
kratischen Mitbestimmung. Diese
ist so weittragend, daß sie Ih¬
nen eine umfassende Auseinan¬
dersetzung mit dem gesamten
öffentlichen Leben abverlangt.
Wenn Sie verantwortungsvoll
entscheiden wollen, müssen Sie
sich zuerst ausreichend infor¬
miert haben. Das heißt, Sie wer¬
den ein offenes Auge und ein
waches Gespür für das öffentli¬
che Geschehen haben, Sie wer¬
den die Möglichkeiten der In¬
formation nützen.
Dann aber gilt es, sich mit dem,
was Sie gelesen haben, was Sie
selbst gesehen oder erlebt ha¬
ben, auseinanderzusetzen, seine
Stichhältigkeit und seinen Wahr¬
heitsgehalt zu überprüfen, sich
ein eigenes Urteil zu bilden.
Das ist nicht immer leicht, vor
allem dann, wenn Schablonen
und Übertreibungen, wenn Be¬
hauptungen ohne Leistung an¬
geboten werden. Hier kann
freimütige Diskussion helfen,

um den Weizen von der
Spreu zu scheiden, und in der
Auseinandersetzung festigt sich
die eigene Überzeugung. Wenn
aber Überzeugung gegen Über¬
zeugung steht, dann kann sich
der Charakter bewähren, dann
zeigt sich, ob man die mensch¬
liche Reife hat, die Meinung des
anderen zu respektieren ohne
die eigene preiszugeben, und
ob man bereit ist, die demokra¬
tischen Rechte des Nächsten zu
achten.

Sie merken aus diesen wenigen
Hinweisen, meine lieben jungen
Freunde, in welchem Maß unser
Leben, unsere alltäglichen Be¬
gegnungen und Handlungen in
Familie, Beruf und Freizeit, am
Sportplatz und wo immer ein¬
bezogen werden in diese Wahr¬
nehmung unserer staatsbürgerli¬
chen Verantwortlichkeit.

Mitgestaltung des öffentlichen
Lebens ist dann nicht nur eine
Angelegenheit der Stimmabga¬
be bei den Wahlen, sondern
eine Aufgabe, der wir uns täg¬
lich stellen können, mit der wir
uns messen und die unseren Le¬
bensbereich weitet. Sie drängt
uns zur Übernahme von Ver¬
antwortung für den Nächsten,
für die Allgemeinheit."

Wie die Jungbürger ihre Aufgabe sehen

Welche Vorstellungen haben die
Jungbürger selbst für die Wahr¬
nehmung dieser Verantwortung?
„Es gibt für uns viele Wege, am
Weiterbau unserer Heimat mit¬
zuwirken", stellte Maria Erhardt,
die Sprecherin der Jungbürge¬
rinnen, fest. „Um die wiederge¬
wonnene Freiheit des 26. Okto¬
ber 1955 bewahren zu können,
müssen wir zunächst danach
trachten, die Zellen des Staates,
das sind die Familien, die der¬
zeit von großen Gefahren be¬
droht sind, wieder gesunden zu

Die Mitglieder des Gemeinderates repräsentierten beim Festakt die Stadt Innsbruck. An ihrer Spitze Bürger¬
meister Dr. Lugger und die beiden VizebürgermcisterReg.-Rat Haid! und Reg.-Rat Obenfelder. (F.: Muraner)

lassen." Hier warte auf die
Jungbürgerinnen eine entschei¬
dende Aufgabe, die eine gewis¬
senhafte Wahrnehmung ihrer
politischen Rechte erfordere. Im
verantwortungsbewußten An¬
teilnehmen am staatlichen Le¬
ben sollte anstelle unüberlegter
Kritik ehrliche, konstruktive Mit¬
arbeit durch die Jungbürger ge¬
leistet werden.

Politische Aktivität müsse für
die Jungbürger, so sagte ihr
Sprecher Christian Bucher, mehr
sein als die Abgabe des Stimm¬
zettels, um dann alles Weitere
„den anderen" zu überlassen.
Wer so handle, trage dazu bei,
daß niemand mehr politische
Verantwortung übernehmen wol¬
le, die Entscheidungsgewalt von
einigen wenigen Politikern wahr¬
genommen werde und der Bür¬
ger sich selbst zum Stimmvieh
erniedrige. Die Jungbürger mü߬
ten ihre eigene politische Mei¬
nung haben und sie mit Nach¬
druck öffentlich vertreten, nicht
in reinem Protestieren, sondern
in konstruktiven Antworten auf
offene Fragen und in sachlicher
Auseinandersetzung, damit un¬
sere zeitweise schon recht schläf¬
rige Demokratie wieder erwa¬
che.

INNSBRUCK - Offizielles Mitteilungs¬
blatt der Landeshauptstadt. Herausgeber,
Eigentümer und Verleger: Die Stadt-

?emeinde Innsbruck. Chefredakteur und
ür den Inhalt verantwortlich: Paul
Gruber; in der Redaktion: Ulla Thien
und Dr. Walter Frenzel. Alle Innsbruck,
Rathaus, Maria-Theresien-Straße 18.
Druck: Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck,
Exlgasse 20.

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