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Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Bd. 62 (1931)
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Eine Bergfahrt
in das nordalbanische G eb irge sigzo)

Von Dr. Georg Heinsheimer, Dr. Egon Hof mann
und Prof. Dr. Heinrich Schatz

Land und Leute
(Dr. Georg Heinsheimer)

(TsT^V enn wir im folgenden von der Bergfahrt berichten wollen, die drei Innsbrucker
^<^) (Haid, Heinsheimer und Schah) und ein Linzer Bergsteiger (Hofmann) im
Sommer 1930 in das Hochgebirge Nordalbaniens unternommen haben, wird es wohl not.
wendig sein, über Land und Leute unseres Arbeitsgebietes einiges vorauszuschicken.
Denn merkwürdigerweise ist Über Kaukasus und Pamir, Karakorum und Himalaja
— zumal in Vergsieigerkreifen — zuverlässig mehr bekannt als über Albanien, das
doch von großen Turisienstraßen und beliebten Neisezielen (Dalmatien, Griechen»
land, mehr und mehr auch Montenegro) nur wenige Meilen entfernt ist.

Erklärungen für diese sonderbare Erscheinung sind natürlich nicht schwer aufzufin»
den. Bis 1913 war Albanien türkische Provinz. Doch hatten die türkischen Behörden,
namentlich im Gebirge, kaum Einfluß. Der Neisende war daher mehr oder minder
auf den guten Willen der Bevölkerung angewiesen. Diese Bevölkerung aber spricht
zunächst einmal eine sehr schwer erlernbare Sprache, die zwar dem indogermanischen
Sprachstamme angehört, aber — eine Fortbildung der illyrisch.thrakischen Sprachen»
gruppe, dazu mit Lehnworten der verschiedensten Herkunft überdeckt, mit schwierigen,
uns fremden Lauten ausgestattet, — mit den Weltsprachen kaum Ähnlichkeit hat.
Schon die Verständigung ist daher eine recht schlimme Angelegenheit. Dazu kommt
noch, daß die Bergstämme zwar brav und grundehrlich, aber auch stolz und selbst«
bewußt Md. And dazu haben sie auch allen Grund: Es war keine geringe Leistung,
dieses kleine Stück unwirtlichen Verglandes durch mehr denn ein halbes Jahrtausend
ohne Hilfe und Unterstützung von außen vor der türkischen Flut zu bewahren, die
es rings umspülte. Die Aufgabe wurde gelöst, aber sie hat dem Volke ihren Stempel
aufgedrückt. Es sind rauhe Menschen; ohne Hilfsmittel, aber auch fast ohne Vedürf»
nisse; ihre Waffen sind ihnen Heiligtümer, die sie kaum je aus der Hand legen. Nimmt
man noch dazu, daß zwischen den zahlreichen Stämmen bis vor kurzem fast ständig
Fehde und Blutrache im Gange war, so kann man sich leicht vorstellen, daß dieses
Land für englische und amerikanische Vergnügungsreisende, die scheinbar nun einmal
die Bahnbrecher des Weltverkehrs sein müssen, nichts Anziehendes hatte; vollends
wenn aus den Schilderungen phantasievoller Berichterstatter noch eingebildete Ge»
fahren zu der tatsächlich bestehenden Ünwirtlichkeit Albaniens hinzutreten.

Auch nach der Befreiung des Landes vom Halbmonde hat sich nicht allzuviel ge«
ändert: die halbjährige „Herrschaft" des Prinzen von Mied (1914) mußte sich, kläglich
genug, auf einen ein paar Kilometer breiten Küstenstreifen beschränken, ohne je in das
Innere des Landes eindringen zu können. Dann folgte der Weltkrieg, der Serben,
Österreicher, Italiener ins Land brachte, natürlich nicht in der Eigenschaft von Ver«
gnügungsreisenden. Erst Ahmed Iogu, dem genialen Präsidenten, später König des
Landes, scheint wieder zu gelingen, was seit den glanzvollen Tagen Skanderbegs